Der Sammler


Nach Bildhauerlehre, Werkkunstschule und Restauratorenausbildung in Münster, trat Siegfried Cremer 1955 eine Stelle als Restaurator im Kaiser Wilhelm-Museum in Krefeld an. Dieses Museum unter Leitung Paul Wembers sollte sich im Laufe der folgenden Jahre zur ersten und wichtigsten Institution für Gegenwartskunst in Deutschland entwickeln.


Nur wenige Kilometer entfernt eröffneten im Mai 1957 Jean Pierre Wilhelm und Alfred Schmela ihre Galerien in Düsseldorf. Wilhelms 'Galerie 22' wurde das Forum für informelle und skripturale Kunst, von Fautrier über Rauschenberg bis Twombly, und ebenso für die experimentelle Musik eines Cage, Kagel, Tudor und Nam June Paik, der 1959 hier seinen ersten öffentlichen Auftritt überhaupt hatte.


Schmela wiederum eröffnete seine Galerie mit den 'monochromes bleus' von Yves Klein. Anderthalb Jahre später erhielt Jean Tinguely hier seine erste Ausstellung in Deutschland. Außerdem fand in diesem legendären Mai 1957 die erste Abendausstellung der Zero-Künstler um Piene, Mack und Uecker statt.


Im März 1959 zeigte die Antwerpener Ausstellung 'Vision in motion' erstmals Zero im internationalen Kontext. Monochromie, Vibration und Licht waren von nun an die Losungsworte einer neuen internationalen Kunstsprache.


Zeitgleich wurde die Realität des Kunstwerks selbst radikal infrage gestellt.


Zwischen Mai 1957 und September 1958, als der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen die damals heiß umstrittene, erste internationale Dada-Retrospektive eröffnete, formte sich die Düsseldorfer Kunstszene zur Avantgarde und trat als solche ins öffentliche Bewußtsein, um dann in den 60er Jahren mit Joseph Beuys in ihrem Brennpunkt zu voller Entfaltung zu gelangen.


Wer um 1960 in Düsseldorf oder Krefeld lebte, befand sich also im Zentrum. An keinem Punkt in Deutschland war zu dieser Zeit das künstlerische Klima anregender als hier. Siegfried Cremer zögerte nicht, sich von seinen gegenständlichen Anfängen zu verabschieden, um nach einer kurzen, intensiven Auseinandersetzung mit dem Informel über Bleireliefs und erste Drahtplastiken 1958 zu monochrom weißen Bildern zu gelangen. Mit ihnen war der künstlerische Standort der aktuellen Avantgarde innerlich nachvollzogen. Unmittelbar darauf begann er, seine eigene Formensprache zu entwickeln.


Der Antrieb, an dieser erregenden, alles Bisherige in Frage stellenden und entgrenzenden Avantgardekunst teilzuhaben, konnte über die künstlerische Auseinandersetzung und Mitwirkung hinaus nur noch dadurch gesteigert werden, daß man sie erwarb und sich mit ihnen umgab.


Im Laufe seiner Krefelder Jahre legte Siegfried Cremer den Grundstock einer Sammlung von Werken des neuen Realismus und Fluxus, die er nach seinem Wechsel nach Stuttgart zunehmend systematisch erweitern sollte. Die meisten der damals wichtigen Künstler lernte er persönlich kennen: den Zero-Kreis, Klein und Manzoni, Tinguely, Beuys und Paik, Christo, Filliou und Spoerri, Koepcke und viele andere. Mit einigen war er jahrelang befreundet, unterstützte sie mit seinen restauratorischen Kenntnissen bei der Umsetzung ihrer Ideen und half bei Ausstellungsvorbereitungen. Im Gegenzug bekam er Arbeiten von ihnen, tauschte sie gegen eigene oder erwarb sie notfalls von seinem schmalen Gehalt. Insbesondere das größere Konvolut der Arbeiten von Dieter Roth legt davon beredtes Zeugnis ab.


Ende 1964 übernahm Siegfried Cremer die Leitung der Restaurierungswerkstätten an der Staatsgalerie in Stuttgart. Der Kreis der Künstlerfreunde erweiterte sich, wieder arbeitete er mit ihnen zusammen. Wieder erwarb er Werke von ihnen. Im Zuge seiner wachsenden Aufgaben für das Museum dehnte er seinen Aktionsradius bis nach Paris aus, wo der Künstlerkreis der Nouveaux Rèalistes um Pierre Restany lebte und agierte. Hier entdeckte er die 'Plakatabrisse' der 'Affichistes', meist vorgefundene, zufällig von Passanten hergestellte Abrisse von Plakaten an Wänden und auf Bauzäunen, die Künstler wie Hains, Dufrene, Villeglé, Rotella und Vostell im öffentlichen Raum fanden, auswählten und durch ihre Signatur zu Kunstwerken erklärten.


1971 war die Sammlung weitgehend abgeschlossen. Bei ihrer ersten öffentlichen Präsentation im Heidelberger Kunstverein kennzeichnete sie Johannes Cladders, damals Leiter des Mönchengladbacher Museums, als konsequent und trotz ihrer sehr persönlichen Prägung repräsentativ im Sinne einer reichen Palette einander ergänzender Varianten des einen, übergeordneten Themas: der Frage nach der Wirklichkeit des Kunstwerks.


Als die Sammlung Cremer 1974 dem Westfälischen Landesmuseum in Münster für 20 Jahre zur Verfügung gestellt wurde, umfaßte sie neben den bereits erwähnten Arbeiten des neuen Realismus auch eine umfangreiche Gruppe konkreter Poesie, sowie ein großes Konvolut an Zeichnungen, Skizzen, Entwürfen, Modellen, Aquarellen und Gemälden des utopischen Architekten und Mitglied der 'gläsernen Kette', Hermann Finsterlin (1887 - 1973).


1994 wurde ein Teil der Sammlung inklusive der konkreten Poesie dem Museum am Ostwall in Dortmund überantwortet,. Der andere Teil stand zunächst der Hamburger Kunsthalle als Dauerleihgabe für zehn Jahre zur Verfügung. Im Frühjahr 2004 wurde seine Rückkehr nach Münster mit der Ausstellung 'Cremers Haufen' und einem Katalog gefeiert. Seit Herbst 2004 hat er als 'Stiftung Sammlung Cremer' im Westfälischen Landesmuseum in Münster seine endgültige Bleibe gefunden.


Hatte Cremer bis 1971 jeden Kunsterwerb mit einer alle anderen Interessen ausschließenden, nahezu obsessiven Intensität verfolgt und betrieben, so gab es nach der Übergabe der Sammlung an ein Museum keine weiteren Ankäufe mehr. Es war einfach vorbei. Endgültig, so schien es. Vielmehr besann er sich anläßlich einer geplanten Ausstellung seines kinetischen Frühwerks erneut auf die eigene künstlerische Arbeit, die fortan - neben seiner Lehrtätigkeit an der Düsseldorfer Kunstakademie ab 1977 - in den Mittelpunkt seines Schaffens rückte.


Ende des Jahres 1989 geriet Siegfried Cremer zufällig in ein Auktionshaus auf der Düsseldorfer Königsallee, das er mit einem afghanischen Belutsch-Teppich verlassen sollte. In den nächsten Monaten kamen weitere hinzu. Beeindruckt von den lebhaften Farben und der sparsamen geometrischen Musterung, begann er, sich mit Nomadenteppichen zu beschäftigen. Im Frühjahr 1990 sollte er dann eine für ihn entscheidende Entdeckung in einer auf Nomadenteppiche spezialisierten Galerie in Düsseldorf machen: Gabbeh-Teppiche. An diesem Tag wurde Siegfried Cremer nach anderthalb Jahrzehnten Pause wieder zum Sammler.


Die Teppich-Sammlung entstand freilich unter gänzlich anderen Bedingungen als die Sammlung von Avantgardekunst der 60er Jahre. War diese wesentlich bestimmt von der aktiven Teilnahme an der Kunstszene und den persönlichen Kontakten zu den Künstlern, so resultiert die Teppich-Sammlung aus den Möglichkeiten und Angeboten des Kunsthandels. Sie ist in ihrer Form eine individuelle Setzung, Ergebnis einer Auswahl nach phänotypischen bzw. ästhetischen Kriterien.


Ihr Umfang ist bewußt auf die höchstmögliche zweistellige Zahl begrenzt. Sie setzt sich zusammen aus 81 Gabbeh-Teppichen und 6 diesen verwandten, jedoch in anderen Teilen der Welt geknüpften Stücken; 6 Belutsch-Teppichen aus Afghanistan sowie drei Meditations-Teppichen und drei Tiger-Teppichen aus Tibet. Insgesamt also 99 Stücke. Ihre geographische Herkunft reicht vom nordafrikanischen Atlas-Gebirge bis Tibet und von Finnland bis zum persischen Golf.


Ihnen gemeinsam ist, daß sie jenseits der großen, Jahrtausende alten Mustertradition stehen, und nahezu alle geknüpft sind. Bei gut Dreiviertel handelt es sich um sog. 'Gabbeh'-Teppiche, eine Sammelbezeichnung für Schlafdecken und Bodenteppiche von Nomaden-völkern. Höchstwahrscheinlich in der Region um Fars entstanden, lassen sich zwar keine einheitlichen Strukturmerkmale feststellen, wohl aber textilhistorische Verbindungen zum armenischen Kulturraum und Einflüsse einer ostasiatisch geprägten Mustertradition.


Im Gegensatz zum ständig reproduzierten Musterkanon traditioneller Teppiche, zeugen die Gabbehs von einem relativ großen Spielraum im Umgang mit überlieferten Mustern, so daß, - auf der Basis einer strengen, meist großflächigen, geometrischen Komposition, - immer auch ein hoher Anteil an individuellen Schöpfungen einfließt. Und zwar unvermeidbar, aus technischen Gründen.


Die Nomadenfrauen – die Teppichherstellung fällt ganz und gar in ihren Aufgabenbereich – arbeiten natürlich nicht mit fest installierten, senkrecht aufgebauten Webstühlen. Sie müssen jederzeit mit einem Aufbruch rechnen, und benutzen dementsprechend schmale, leichte, schnell auf- und abzubauende Webstühle, die sie waagrecht vor sich hinstellen. Beim Transport verzieht sich vielleicht das begonnene Stück, und ob die Wolle mit der genau passenden Färbung hinterher wieder zur Verfügung steht, ist eher unwahrscheinlich.


Da diese Unterbrechungen während der Herstellung unvermeidbar sind, wurde aus der Not eine Tugend gemacht und die Bewegung schöpferisch genutzt. Jedenfalls legen die deutlich hervorgehobenen Unregelmäßigkeiten und die Auflösungen von Motiven und Mustern diesen Schluß nahe.


1993 war auch diese Sammlung abgeschlossen. Anläßlich einer Ausstellung im Kunstgewerbemuseum in Krefeld erschien eine deutsch-englische Publikation mit dem Titel ' 99 Teppiche / Rugs - Sammlung Cremer' (Arnoldsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1993) mit ganzseitigen Farbabbildungen aller Teppiche und einer wissenschaftlichen Einführung von Volkmar Gantzhorn.


Danach richtete Siegfried Cremer seine Aufmerksamkeit auf Gebrauchsglas, und trug innerhalb weniger Jahre erneut eine umfangreiche Sammlung von Vasen für einzelne Blumen zusammen, wie er sie bevorzugt auf Flohmärkten fand. Als Schenkung an den Westfälischen Landschaftsverband ist jetzt der Großteil dieser Sammlung in der Glashütte Gernsheim in Petershagen an der Weser zu besichtigen. Ein kleiner Teil befindet sich im Kunstmuseum am Ehrenhof in Düsseldorf. Anschließend konzentrierte er sich auf Kerzenleuchter, die demnächst als weitere Schenkung an den Westfälischen Landschaftsverband musealer Bestandteil werden.


Derzeit baut Siegfried Cremer eine neue Sammlung von Kreuzen auf.


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