Nomen est Omen 1967

Siegfried Cremer

Der Kunstsammler


Das Bedürfnis zu sammeln hatte Cremer schon früh verspürt. Fasziniert von Zeitmessung, wollte er zunächst Uhren sammeln, verlegte sich aber angesichts der Preise, die das  bescheidene Gehalt eines jungen Restaurators sprengten, sehr schnell auf Möbel und Objekte des Jugendstils, die in den 1950er Jahren niemanden interessierten und deshalb wenig kosteten. Die nötigen Kenntnisse erwarb er sich in der Sammlung des Kaiser Wilhelm-Museums in Krefeld.


Sehr bald schon ließ sich Siegfried Cremer von der geistigen Aufbruchsstimmung anstecken, nicht nur als Künstler. Er begann, Werke der jungen Avantgarde-Künstler zu kaufen und im Tausch gegen eigene Arbeiten oder als Gegenleistung für materialtechnische Hilfeleistungen zu erwerben. Nach den Düsseldorfer Zero-Künstlern Mack, Piene, Uecker und den Krefelder Künstlern Herbert Zangs und Adolf Luther folgten ab 1961 die 'nouveau réalistes' um Pierre Restany in Paris, mit Yves Klein, Arman, Martial Raysse, Daniel Spoerri, Jean Tinguely und den Affichisten François Dufrêne, Raymond Hains und Jacques de la Villeglé als Gründungsmitgliedern und mit César, Deschamps, Niki de St. Phalle, Rotella als weiteren Mitgliedern. Diese Künstler gerieten ebenso wie Piero Manzoni, Lucio Fontana, Dieter Roth, Christo, Robert Filliou, Arthur Koepcke, Joseph Beuys, Nam June Paik, Wolf Vostell und weitere Künstler der Fluxus-Szene in sein Blickfeld und faszinierten ihn.


1964 wechselte Cremer als Leiter des Restaurierungsateliers der Staatsgalerie nach Stuttgart. Von dort wurden einige der alten Kontakte fortgesetzt und vertieft, allen voran der zu Dieter Roth. Neue Impulse kamen hinzu. Durch die Freundschaft zu Hans-Jörg Mayer beispielsweise wurde sein Interesse an Typographie geweckt und das Sammeln von konkreter Poesie intensiviert. Auch der Literaturwissenschaftler und Künstler Reinhard Döhl trug hierzu entscheidend bei, dem er außerdem die Bekanntschaft mit Hermann Finsterlin wenige Jahre vor dessen Tod verdankte. Diese wiederum hatte zur Folge, dass ein Konvolut von 75 Entwürfen, Aquarellen und Modellen der Sammlung von Avantgarde-Kunst assoziiert wurde.


Bereits 1971 fand in der Staatsgalerie Stuttgart eine erste Ausstellung der  Plakatabrisse von Dufrêne, Hains, Rotella, Villeglé und Vostell aus der Sammlung Cremer statt, der umfangreichsten ihrer Art in Privatbesitz.

Mit der ersten öffentlichen Präsentation aller Werke seiner Sammlung in der Kunsthalle in Tübingen 1973 war diese für Siegfried Cremer mehr oder weniger abgeschlossen. Seine über rund 17 Jahre lang intensiv ausgelebte Sammelleidenschaft hörte abrupt auf, und sollte erst gut anderthalb Jahrzehnte später erneut aufleben – allerdings auf einem völlig anderen Gebiet.


Ab 1974 war die Sammlung Cremer als Dauerleihgabe im Westfälischen Landesmuseum Münster untergebracht. Seit dieser Zeit steht sie der Öffentlichkeit zur Verfügung.

1991 teilte Siegfried Cremer seine Sammlung auf. Ein Teil gelangte in den Besitz des Museums am Ostwall in Dortmund, das heute im Dortmunder U untergebracht ist.

Der andere Teil ging für ein Jahrzehnt als Dauerleihgabe an die Hamburger Kunsthalle. 2004 kehrte er an das Westfälische Landesmuseum in Münster zurück, wo er fortan als 'Stiftung Sammlung Cremer' verortet ist.

Die Stiftung Sammlung Cremer umfasst rund 60 Werke von 22 Künstlern und ein Konvolut mit rund 50 Werken Dieter Roths sowie als Solitär ein Konvolut mit rund 70 Werken von Hermann Finsterlin. Außerdem wurden der Stiftung weit über 100 Werke von Siegfried Cremer aus den Jahren 1957 bis 2004 hinzugefügt.


Publikationen und weiterführende Informationen:


Zur 'Sammlung Cremer' als Bestandteil der Stiftung im LWL-Museum Münster:


Ausst. Kat. 'cremers.haufen. - alltag. prozesse. handlungen: kunst der 60er jahre und heute.

Münster 2004 (bearb. von M. Vissault)


Fluxus und Nouveau Réalistes - Sammlung Cremer für die Hamburger Kunsthalle, Hamburg 1995 (bearb. von A. Lütgens; mit einem Verzeichnis aller vorhergehenden Publikationen)


Hermann Finsterlin - Sammlung Cremer, Hamburg 1995 (bearb. von R. Döhl)


Weitere Informationen unter: www.lwl.org/LWL/Kultur/stiftung-cremer/


Zur 'Sammlung Cremer' im Besitz des Museums am Ostwall in Dortmund:


Bestandskatalog, bearbeitet von Dieter Daniels und Barbara John, 2 Bde, Dortmund 1991; ein 3. Band zur konkreten Poesie, bearbeitet von Peter Schmieder, folgte 1994.


Weitere Informationen unter: www.dortmund.de



Die Teppichsammlung


Ende des Jahres 1989 geriet Siegfried Cremer zufällig in ein Auktionshaus auf der Düsseldorfer Königsallee, das er mit einem afghanischen Belutsch-Teppich verlassen sollte. In den nächsten Monaten kamen weitere hinzu. Beeindruckt von den lebhaften Farben und der sparsamen geometrischen Musterung, begann er, sich mit Nomadenteppichen zu beschäftigen. Im Frühjahr 1990 entdeckte er in einer auf Nomadenteppiche spezialisierten Galerie in Düsseldorf Gabbeh-Teppiche, und begann nach über anderthalb Jahrzehnten Pause wieder zu sammeln.


Die Sammlung von Avantgardekunst der 1960er Jahre entstand freilich unter gänzlich anderen Bedingungen als die Teppich-Sammlung. War erstere wesentlich bestimmt von der aktiven Teilnahme an der Kunstszene und den persönlichen Kontakten zu den Künstlern, so resultierte letztere aus den Möglichkeiten und Angeboten des Kunsthandels. Sie war in ihrer Form eine individuelle Setzung, Ergebnis einer Auswahl nach phänotypischen bzw. ästhetischen Kriterien.


Der Umfang der Teppich-Sammlung war bewusst auf die höchstmögliche zweistellige Zahl begrenzt. Sie setzte sich zusammen aus 81 Gabbeh-Teppichen und 6 diesen verwandten, jedoch in anderen Teilen der Welt geknüpften Stücken; 6 Belutsch-Teppichen aus Afghanistan sowie drei Meditations-Teppichen und drei Tiger-Teppichen aus Tibet. Insgesamt also 99 Stücke mit einem geographischen Herkunftsgebiet vom nordafrikanischen Atlas-Gebirge bis Tibet und von Finnland bis zum persischen Golf.

Ihnen gemeinsam ist, dass sie jenseits der großen, Jahrtausende alten Mustertradition stehen, und nahezu alle geknüpft sind. Bei gut Dreiviertel handelte es sich um sog. 'Gabbeh'-Teppiche, eine Sammelbezeichnung für Schlafdecken und Bodenteppiche von Nomadenvölkern. Höchstwahrscheinlich in der Region um Fars entstanden, lassen sich zwar keine einheitlichen Strukturmerkmale feststellen, wohl aber textilhistorische Verbindungen zum armenischen Kulturraum und Einflüsse einer ostasiatisch geprägten Mustertradition.

Im Gegensatz zum ständig reproduzierten Musterkanon traditioneller Teppiche, zeugen die Teppiche der Gabbeh von einem relativ großen Spielraum im Umgang mit überlieferten Mustern, so dass, - auf der Basis einer strengen, meist großflächigen, geometrischen Komposition, - immer auch ein hoher Anteil an individuellen Schöpfungen einfließt. Und zwar unvermeidbar, aus technischen Gründen.

Die Nomadenfrauen, welche die Teppiche herstellen, arbeiten nicht mit fest installierten, senkrecht aufgebauten Webstühlen. Sie müssen jederzeit mit einem Aufbruch rechnen, und benutzen dementsprechend schmale, leichte, schnell auf- und abzubauende Webstühle, die sie waagrecht vor sich hinstellen. Da Unterbrechungen während der Herstellung unvermeidbar sind, wurde offenbar aus der Not eine Tugend gemacht und die Bewegung schöpferisch genutzt, z.B.  indem Unregelmäßigkeiten deutlich hervorgehoben, Motive und Muster aufgelöst werden.

1993 war diese Sammlung abgeschlossen.


Publikation:

99 Teppiche – Sammlung Cremer. Arnoldsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1993

ISBN 3-925369-32-5



Die Glassammlung


Nach kurzer Pause richtete Siegfried Cremer anschließend seine Aufmerksamkeit auf Gebrauchsglas, und trug innerhalb weniger Jahre erneut eine umfangreiche Sammlung von Vasen für einzelne Blumen zusammen, die er bevorzugt auf Flohmärkten fand. Ein kleineres Konvolut wurde später als Schenkung in die Glassammlung des Kunstmuseums im Ehrenhof in Düsseldorf integriert, ein größeres Konvolut ging als Schenkung an den Westfälischen Landschaftsverband und wurde dem Industriemuseum in Gernheim zugeteilt.


Danach sammelte er über mehrere Jahre zunächst Kerzenleuchter, schließlich Kreuze an.

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